Ich bin nicht du

 

“Ich bin nicht Stiller!” Mit diesem Satz beginnt der gleichnamige Roman von Max Frisch, dessen Gedanken mich auf der Flucht nach vorne begleitet haben. Mehr noch. Deren Konsequenzen haben mich sensibilisiert im Umgang mit selbstgerechten Übergriffen, Unterstellungen und Erwartungen. Ich bin nicht der, den ihr meint zu kennen. Ich bin nicht der Mensch den ihr euch in euren Erwartungen konstruiert habt. Ich werde nicht der Mensch sein, den ihr formen wollt und bedrängt, so zu sein wie ihr.

Das “Ich bin nicht” macht ein Erschauern darüber spürbar, mit welcher Obszönität sich Menschen eine Person zu Eigen machen. In der irrigen Annahme, sie würden sie kennen. Ich fürchte mich vor Begegnungen mit Menschen die mich begrüßen mit: „Du hast dich ja gar nicht verändert.“ Was für eine armselige Unterstellung. Ich selbst weiß bis heute nicht, wer ich mal war. Wie soll es dann ein anderer wissen. Was wissen wir schon vom anderen? Auch wenn wir uns seit langer Zeit begleiten. Wer schenkt sich schon selbst die Zeit, das Gesicht eines anderen zu betrachten. Deswegen genügt die Maske vollkommen. Als Teil eines zugewandten Lebens und Teil eines Fremdseins in der Welt. Um eins zu werden mit dem sich uneins fühlen. Obwohl wir wissen, dass die Maske schnell und unerwartet zerbrechen kann.

Unser halbes Leben dreht sich doch um die Frage, ob es sich erfüllt oder ob es sich nicht erfüllt. Nur im Dissens kann das Gefühl, im falschen Leben gelandet zu sein, überwunden werden. Plötzlich höre ich statt, „du hast dich gar nicht verändert“ den Satz, „du bist nicht der, den ich kenne.“ Endlich ein wahrer Satz. Ich sage es immer wieder, klar und deutlich: ich bin nicht Stiller.

6 Gedanken zu “Ich bin nicht du

    • Poesie, Fotografie, Spiritualität schreibt:

      Paplo Picasso hat eine kluge Ansicht über das Finden.
      „(…) Finden,
      das ist das völlig Neue
      auch in der Bewegung.
      Alle Wege sind offen,
      und was gefunden wird,
      ist unbekannt.
      Es ist ein Wagnis,
      ein heiliges Abenteuer.
      Die Ungewissheit solcher Wagnisse
      können nur jene auf sich nehmen,
      die im Ungeborgenen
      sich geborgen wissen,
      die in die Ungewissheit,
      in die Führerlosigkeit
      geführt werden. (…)“

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      • die-wege schreibt:

        bereits seit vielen jahren habe ich mit dem ZUFALL in meinen langzeitprozessen gearbeitet. ZUFALL als PRINZIP selektiver arbeitsweise, da überschneiden und berühren sich bereiche der wahrnehmung, etwa die synchronizität der ereignisse, wenn z.b. zwei oder mehr zeitlich und räumlich von weit entfernten orten losfahrende autos mit unterschiedlichem tempo zuletzt aufeinandertreffen und es zum schweren verkehsunfall kommt – so wird es als unglücklicher zufall oder als schicksalhaftes ereignis interpretiert.
        mit dem PRINZIP ZUFALL habe ich objekte bearbeitet, indem ich die mein geburtsdatum 14.04.44 auf ein objekt anwendete, in form möglicher quadrate, diagonalen bei 2-dimensiinalen flächen und bei 3-dimensionalen objekten im jeweiligen messbaren von höhe und breite. einfach gesagt, die wahl ästhetischer proportionen wählte ich nicht etwa nach dem „goldenen schnitt oder mathematischen gesetzen, sondern nach dem PRINZIP ZUFALL.
        nun hat der zufall für mich eine besondere bedeutung, da mit einem gendefekt [AD(H)S] und mit typischen merkmalen des asperger autismus lebend. damit ist ständig im anderssein auch eine andere fremd- und selbstwahrnehmung ver indem.
        allein vor diesem persönlichen hintergrund sind deine texte für mich besonders interessant.
        NICHT SUCHEN, FINDEN – war mein motto im leben und in der kunst, bis ich eines tages zufällig das nahezu identische zitat Picasso fand. für mich nur ein winziger moment des innehalten, doch es ist auf meinem eigenen „zeitlauf“ entstanden.
        wobei der kreis sich hier schliesst und deine worte für mich eine bereicherung darstellen – oft sind grosse oder kleinere entdeckungen in forschung und wissenschaft „nur“ einer verkettung von ZUFÄLLEN zu verdanken.

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    • Poesie, Fotografie, Spiritualität schreibt:

      Hallo. DANKE für die informativen Gedanken zu Form und Durchdringung des Zufalls. In der Theorie habe ich mich auch mit dem Zufall befasst. Hier sende ich Dir meine Überlegungen dazu.
      Zufall – Paradoxie des Denkens
      Der Glaube an einen Zufall besteht in dem Wunsch, hinter allem einen Zweck, einen Sinn und Zusammenhang zu suchen. Gäbe es diese Suche nach Sinn und Zweck nicht, wäre der Zufall eine rein biologische Angelegenheit, denn die Entwicklung der Welt, die Evolution, besteht aus Zufällen und chaotischen Konstellationen. Die überaus menschliche Zuweisung nicht erklärbarer Vorgänge und Situationen an den Zufall entsteht aus dem hilflosen Glauben daran, dass es so etwas wie ein Schicksal gibt. Der menschliche Geist kann Phänomene anscheinend nur dann begreifen, wenn er sie auf nachvollziehbare Denkbegriffe reduzieren kann. Anders gesagt: Ereignisse zeigen ihren Sinn erst dann, wenn wir ihnen durch unsere Bewertungen einen Sinn verleihen. Allein die letzten fünfzig Jahre der Biogenetik zeigen deutlich, dass Erscheinungen, die vor Jahren noch mit dem Zufall erklärt wurden, heute wissenschaftlich begründet werden. Das lässt Zusammenhänge vermuten zwischen dem Nichtwissen und der Bereitschaft, an einen Zufall, das Schicksal oder die Fügung zu glauben. Als in einem Theaterstück die Frage gestellt wurde: «Warum hat mein Vater mich geschaffen, war es nur ein Kitzel…?» führte das vor zweihundert Jahren zu einem Skandal. Nur zufällig einen neuen Menschen gezeugt zu haben, war damals so wenig denkbar, wie die zufällige Entstehung der Welt in Milliarden Jahren. Doch auch heute noch ist dieser Gedanke nicht so angenehm, denn wer möchte seine einmalige Existenz nur dem Zufall verdanken.

      Wer auf einer Reise einen alten Bekannten nach langer Zeit wiedertrifft, kann sich bei einem gemeinsamen Kaffee über den Zufall freuen. Entwickelt sich daraus jedoch eine berufliche Beziehung, eine Liebe oder Freundschaft, wird gerne von einem schicksalhaften Treffen gesprochen. Der Zufall transformiert sich zum Schicksal, wenn er nachhaltige Spuren und Konsequenzen im Leben eines Menschen hinterlässt. Zufall, Absurdität und Paradoxie stehen in der Reihe nicht oder schwer erklärbarer Phänomene meist sehr nahe beieinander. Wobei sie im täglichen Sprachgebrauch erst dann auftauchen, wenn es um die Widersprüche geht, die unsere eingeübten Vorstellungen von Normalität infrage stellen.

      Über die Umleitung der Absurdität kann der Zufall zu einer sinnstiftenden Lebenshaltung werden. Der Sinn des Zufalls erklärt sich aus der Erkenntnis, dass unsere Regeln, Festsetzungen und Vorstellungen, ob gesellschaftlich oder religiös, ausnahmslos willkürlich entstanden sind. Es ist, wie es ist, es könnte auch ganz anders sein, als es ist, und niemand kann sagen, was daran gut oder besser wäre. Ludwig Wittgensteins Erkenntnis  «Kultur ist eine Ordensregel» demaskiert die Behauptungen der Sinnstifter als willkürliche Konstruktionen zur Organisation des menschlichen Zusammenlebens. Ob Sinn oder Zufall, wer begreifen will, kommt nicht daran vorbei, eigene Vorgaben immer wieder neu zu konstruieren, indem andere dekonstruiert werden. Für deren Fragmente werden Namen verteilt, die für die Gegenwart nichts bedeuten, um diese dann als Ergebnis zu diskutieren. Dabei ist das Ergebnis bereits bekannt: Die Welt ist nicht von Vernunft geprägt. Genau deswegen sind Zufälle nicht mehr als Impulse täglichen Geschehens. Wir alle wissen nichts von dem, was als Zukunft postuliert wird, und tun dabei so, als ob wir wüssten. Doch die Rede von Zufällen erweckt im Heute wenigstens den Anschein, als hätten wir einen vernunftgeprägten Plan für das Morgen und das, was sich als Leben behaupten will.

      Albert Camus schreibt in seinem Buch «Der Mythos von Sisyphos»: «Für den absurden Menschen geht es nicht um Erklärungen und Lösungen, sondern um Erfahrungen und Beschreibungen. Alles beginnt mit einer scharfsichtigen Gleichgültigkeit.» Um in der Absurdität einen Sinn des Lebens zu erkennen, braucht es die Akzeptanz des Zufalls als fremd gesteuerter Impuls eigenen Denkens. Daraus folgt eine (gedankliche) Freiheit, die sich zwischen Zufall und Absurdität in Position bringt mit der Erkenntnis, in jedem Augenblick neu beginnen zu können. Aus dieser Erkenntnis heraus erklärt sich die tägliche Paradoxie der Zufälle, wie sie Søren Kierkegaard beschrieben hat: «Das höchste Paradox des Denkens ist, dass es etwas entdecken will, das es nicht selbst denken kann.»

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      • die-wege schreibt:

        danke dir, freut mich besonders, da ich selbst als visueller augenmensch nicht übereinstimme mit der eher oberflächlichen betrachtung: „bilder sagen mehr als tausend worte“ und wie werden die bilder in doch sehr unterschiedlichen köpfen und noch dazu im kontext zwischen facebook oder werbung oder in der kunst zur sprache, zu sprachbildern, bildersprache? ein mindestmaß an verstand vorausgesetzt, bliebe es doch der beliebigkeit überlassen, ob von bildern etwas mehr hängen bliebe vom eindruck oder war man nicht mal ansatzweise beeindruckt?
        kurzum, besonders in wordpress sind längere, noch dazu differenziert nachdenkliche texte nicht sonderlich beliebt. meine längeren texte entstanden meist schon vor 25 jahren, warum ich fragmente daraus in meinen 2 blogs als beiträge erstelle, zumal es sich um selbstgespräche handele, da passiert am RAND DER WÖRTER und spezieller im Blog Denk.BLOG@.de eine begegnung der anderen art. auch weil niemand das lesen mag und das wird ja erst durch das ausbleiben von likes zur frage, warum ist das so? das mir selbst likes wenig bedeuten, kann es längerfristig dazu führen, wie gehe ich positiv damit um? denn völlig egal kann mir das fehlende interesse vom IN-dividuum nicht sein. es geht mir eher darum, nicht vom weg abzukommen. kann unbehelligt das tun, wonach mir zumute ist. da ich in den ersten 11 jahren hier selten neue beiträge postete, habe ich nach 10 jahren pause gelernt, nichts hat sich geändert, nur die Einstellung zu mir selbst ist eine andere, nicht inhaltlich, sondern es gibt kein entweder oder mehr, habe ja jederzeit die wahl, meine lebenszeit mit nichtstun zu vertrödeln.

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