Ich bin nicht du

 

“Ich bin nicht Stiller!” Mit diesem Satz beginnt der gleichnamige Roman von Max Frisch, dessen Gedanken mich auf der Flucht nach vorne begleitet haben. Mehr noch. Deren Konsequenzen haben mich sensibilisiert im Umgang mit selbstgerechten Übergriffen, Unterstellungen und Erwartungen. Ich bin nicht der, den ihr meint zu kennen. Ich bin nicht der Mensch den ihr euch in euren Erwartungen konstruiert habt. Ich werde nicht der Mensch sein, den ihr formen wollt und bedrängt, so zu sein wie ihr.

Das “Ich bin nicht” macht ein Erschauern darüber spürbar, mit welcher Obszönität sich Menschen eine Person zu Eigen machen. In der irrigen Annahme, sie würden sie kennen. Ich fürchte mich vor Begegnungen mit Menschen die mich begrüßen mit: „Du hast dich ja gar nicht verändert.“ Was für eine armselige Unterstellung. Ich selbst weiß bis heute nicht, wer ich mal war. Wie soll es dann ein anderer wissen. Was wissen wir schon vom anderen? Auch wenn wir uns seit langer Zeit begleiten. Wer schenkt sich schon selbst die Zeit, das Gesicht eines anderen zu betrachten. Deswegen genügt die Maske vollkommen. Als Teil eines zugewandten Lebens und Teil eines Fremdseins in der Welt. Um eins zu werden mit dem sich uneins fühlen. Obwohl wir wissen, dass die Maske schnell und unerwartet zerbrechen kann.

Unser halbes Leben dreht sich doch um die Frage, ob es sich erfüllt oder ob es sich nicht erfüllt. Nur im Dissens kann das Gefühl, im falschen Leben gelandet zu sein, überwunden werden. Plötzlich höre ich statt, „du hast dich gar nicht verändert“ den Satz, „du bist nicht der, den ich kenne.“ Endlich ein wahrer Satz. Ich sage es immer wieder, klar und deutlich: ich bin nicht Stiller.

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