Bildnis und Echo

In seinem Roman «Wahlverwandtschaften» lässt unser Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe die Protagonistin Ottilie über die innere Verbildlichung des Abwesenden sinnieren. Knapp zwei Jahrzehnte, bevor das erste Foto in der Geschichte des Menschen fixiert wird, beschreibt Goethe seine Vision eines Bildbewusstseins, das heute noch genau so aktuell ist wie vor mehr als zweihundert Jahren. Aus dem Klang des Wortes «Bildnis» wird ein Echo hörbar, in dem etwas Wertvolles und Einmaliges nachhallt. Ein Klang, der sich zu dem Wort «Bild» in ähnlicher Weise verhält, wie der Klang des Wortes Erhabenheit zum Begriff der Schönheit. Vielleicht trifft das Gefühl der Erhabenheit genau das, was Ottilie ausdrücken will. Es geht ihr in den Betrachtungen des Bildes nicht darum, das Wesen der Dinge in einem Bild zu erkennen, sondern zu offenbaren, was tief in einem selbst zu sehen und zu fühlen ist. Genau dieser Zustand lässt sich mit Erhabenheit umschreiben, als eine überhöhte Definition, die über die Harmonie des Schönen hinausweist. Das Erhabene beschreibt ein Ergriffensein vom Schönen, das bewegt und berührt, wie bei einem Schauspiel der Natur, einem Klang in der Musik, einer Berührung bei der Betrachtung eines Bildes.

So erging es Ottilie. Das Sehen verbindet sich bei ihr mit dem Fühlen, indem das Bildnis auf seine Betrachterin zurückschaut.  Goethe lässt Ottilie über die Kraft des Bildlichen sinnieren, das hier gebunden wird an das Begriffliche. Er geht damit über das Begreifen hinaus, das der Verstand so nötig braucht, um sich selbst eine Ordnung zu geben. Auch Ottilie versucht in ihrer Unterhaltung mit einem (geliebten) Bild, über das Begreifen hinauszugehen.

Aus Ottiliens Tagebuch: «Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen, die uns Entfernte und Abgeschiedene näher bringen. Keines ist von der Bedeutung eines Bildes. Die Unterhaltung mit einem geliebten Bilde, selbst wenn es unähnlich ist, hat was Reizendes, wie es manchmal etwas Reizendes hat, sich mit Freunden zu streiten. Man fühlt auf eine angenehme Weise, dass man zu zweien ist und doch nicht auseinander kann. Man unterhält sich manchmal mit einem gegenwärtigen Menschen als mit einem Bilde. Er braucht nicht zu sprechen, uns nicht anzusehen, sich nicht mit uns zu beschäftigen: wir sehen ihn, fühlen unser Verhältnis zu ihm, ja sogar unsere Verhältnisse können wachsen, ohne dass er etwas dazu tut, ohne dass er etwas davon empfindet, dass er sich eben bloß zu uns wie ein Bild verhält.»

Durch die Vermischung von Eindruck und Ausdruck, Abbild und Sinnbild wird in Ottiliens Betrachtungen deutlich, welche Irrungen und Wirrungen Bilder erzeugen können, wenn sie mehr sein wollen als Information und Kommunikation. An den Schnittstellen von Abbild und Sinnbild schwingt ein Echo, dessen Assoziationen die Grenzen zwischen Wirklichkeiten und Illusionen fast spurlos verwischen. Bilder mit diesen «changierenden Hintergründen» flirren millionenfach über die Bildschirme der digitalen Kommunikation. Durch das Anklicken von «Gefällt mir» werden sie, wie selbstverständlich, als eigene Wirklichkeit angenommem. In den Spiegelungen leuchtender Displays wird dabei leicht vergessen, dass auf ihnen die polierte Fläche eines Bildes zu sehen ist, die nach dem «Gefällt-mir» Klick emotionslos ermattet.