Zen in der Kunst des Fotografierens

In der Welt des Zen-Buddhismus steht der flüchtigste Moment in einem inneren Zusammenhang mit dem Weltganzen. Übungen des Zen können in die reine Wahrnehmung führen, in der sich Subjekt und Objekt absichtslos verbinden. Um diese Verbindung wahrzunehmen, braucht es den Zustand reiner Achtsamkeit, in dem für kurze Momente ein Erleben entsteht, sich selbst mitzunehmen, in den Augenblick des Hier und Jetzt. Dieser Gedanke, umgesetzt auf den Moment des Fotografierens, bezieht sich im Ying auf die Stille und Konzentration im Sucher der Kamera und im Yang auf den Augenblick zwischen Wahrnehmen und Erkennen eines Bildes.

Henri Cartier-Bresson, einer der bekanntesten, stilbildenden Fotografen des letzten Jahrhunderts, war, wenn auch nicht beabsichtigt, ein «Zen-Meister» der Fotografie. Viele seiner Fotos animieren zu kontemplativen Betrachtungen, weil sie durchdrungen sind von den Wesenszügen des Zen-Buddhismus: Achtsamkeit, Sorgfalt, Klarheit, Reduzierung, Empathie. Distanz und Nähe entstehen bei ihm durch Konzentration auf das erkennbar Wesentliche eines Momentes. Er beschreibt das so: «Um der Welt einen Sinn zu geben, muss man sich einbezogen fühlen in das, was man durch seinen Kamerasucher sieht. Diese Haltung verlangt Konzentration, geistige Disziplin, Sensibilität und einen Sinn für Geometrie. Nur mit großer Sparsamkeit der Mittel gelangt man zur Einfachheit des Ausdrucks. Man muss Fotografien immer mit dem größten Respekt für das Motiv und für einen selbst machen …»

Henri Cartier-Bresson beobachtet in seinen Fotografien die Welt ohne vordergründige Eitelkeiten und mit dem Verzicht auf rhetorische Effekte. Das Ying und Yang seiner Fotografien wird deutlich in der Ambivalenz, ob es sich in seinen Bildern um gefundene Sinnbilder oder vorgefundene Abbilder handelt. Cartier-Bressons «Zen-Sicht» verdichtet seine Aufmerksamkeit des Sehens und Betrachtens durch die Beobachtung. Diese ermöglicht ihm, seine interpretierenden Wahrnehmungen bei der Aufnahme im Hintergrund zu halten. Viele Fotografien des Meisters entsprechen in ihrem Klang, ihrer Intimität und Achtsamkeit den poetischen Wortbildern japanischer Haikus.

«Eine Rose entblättert sich

und an allen Dornenspitzen

hängen kleine Tropfen.»

Fotografie. Momente der Stille

Fotografie ist für mich eine fortdauernde Übung darin, das Jetzt in dem kurzen Moment einer Beobachtung zu finden, die mich in die Gegenwart versetzt. Wer nicht in der Lage ist, sich in diesen Moment hinein zu werfen, dem entgleitet die Gegenwart, noch bevor er die Vergangenheit vergessen hat.

Bild aus dem Fotothema: Et in Arkadia Ego

Fotografien sind Gleichungen, die in Interaktion mit meinen Wirklichkeiten und Realitäten aufgehen können. Bilder beschreiben Vergangenes und sind daher, was sie sind: als Bilder gegenwärtig – nicht die Dinge selbst, die sie abbilden. Wirkungen der Bilder beruhen auf Fähigkeiten, Empfindungen als Beobachtung auszugeben.

Sorgfältige Unterscheidungen zwischen Beobachtungen und Bewertungen bilden die visuelle Basis für den ambivalenten Wahrheitsbegriff in der Fotografie. Bewertung ist wie eine Umleitung, auf der das Bewusstsein die Gegenwart weiträumig umfährt. Beobachtung hingegen führt geradewegs über die Aufmerksamkeit zur Betrachtung. Immer wieder offenbaren sich Momente der Beobachtung und Betrachtung als Stille im Sucher meiner Kamera.