Poesie – der Gipfel der Seele

FOTOKARAOKE

Foto aus dem Buch „Fotokaraoke“, erschienen 10/2013 im Mitteldeutschen-Verlag, Halle. Alle Fotos von Dieter Zinn

Viele Menschen definieren sich selbst und ihre Lebensumstände durch den Glauben an die Erkenntnisse materieller Wirklichkeiten. Wenn es um die Seele des Menschen geht, fragen sie sich, wo sie wohl sein mag, die Seele, oder ob sie nicht einfach eine Erfindung ist. Auch die Menschen, die ohne Glauben an göttliche Bestimmungen leben, spüren, wenn es um die letzten Fragen geht, dass sie doch mit dem Geist dieser Bestimmungen in Berührung kommen. Ähnlich verhält es sich auch mit der Poesie. Wer sich auf ihre Zustände oder Gefühle einlässt, kann erahnen, dass verborgene Bilder in uns existieren. Es lässt sich nicht einfach widerlegen, dass die verborgene Kraft der Poesie, in Sprache, Bildern und Klängen, komplexer sein kann, als analytische Interaktionen gesellschaftlicher Faktoren. Ähnlich dem Glück, dessen Erkennen einen Willen voraussetzt, setzt die Empfindung von Poesie den Willen zur Empathie voraus. Deswegen kann sie nur von denen erkannt werden, die bereit sind, sich auf ihren Klang jenseits aller Wirklichkeitsbegriffe und funktionaler Notwendigkeiten einzulassen. Nachvollziehbar wird das Poetische durch innere Bewegungen, die zuerst fremd wirken können, um sich dann, in den kurzen Momenten einer vollendeten Gegenwart, entdecken zu lassen. Wer diese Momente empfinden kann, wird von der Poesie berührt, ja mehr noch, sie trifft ihn mitten ins Herz: durch Bilder, die mehr sind als Bilder, durch Worte und Klänge, die mehr bedeuten als Worte und Klänge. Erlebte Berührungen durch poetisches Entrücktsein, können wohltuende Distanzen herstellen zu den Übergriffen und Ansprüchen einer selbstgerechten Welt, die sich in ihrer eigenen Fremdheit erkennt und reproduziert. «Denn das ist der Anfang aller Poesie, den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben und uns wieder in die schöne Verwirrung der Phantasie, in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur zu versetzen …», schreibt Friedrich Schlegel. Damit verweist er auf die Selbstverständlichkeit, dass Poesie jedes konkrete Abgleichen ausschließt, weil jeder Vergleich ihren Charakter zerstören würde. Poesie ist nicht nur das, was sich reimt, einen Rhythmus hat oder einen Zustand romantisiert, sondern Poesie wird dort erfahrbar, wo sich verborgene Zwischenräume in uns, durch erfühlte Wahrnehmungen öffnen lassen. Poesie nimmt Menschen, die sich auf diese Zwischenräume einlassen, mit auf eine Reise in das Innere eines tief empfundenen Moments, um den sich alles dreht. Die Reise führt zu einem Gipfel, von dem aus eine erhabene Seelenlandschaft sichtbar wird für den, der die Sehnsucht hat, sie zu entdecken.

BARCELONA Sjak

Fotografien können sich poetisch mitteilen wie die Musik oder die Sprache, ohne dass es dafür eine rationale Erklärung gibt. Im Gegenteil, poetische Anmutungen in Bildern, Klängen, Worten, verhalten sich wie ein Chamäleon, in changierenden Unterscheidungen zwischen Sehnsucht und göttlichem Geist. Poesie braucht keine Erklärungen, liefert keine Behauptungen, sondern wird nur in der individuellen Erfahrung erkennbar. Poesie kann Trost geben, wenn Verzweiflung, Abschied, Liebe, Sterben den Verstand durch Wahnsinn betäuben. In den Empfindungen von Schönheit kann Poesie ein Gefühl der Erhabenheit verleihen, die der Schönheit ihre Zeit und damit ihre Vergänglichkeit nimmt. Das Erhabene in Fotografien entsteht durch den offensichtlichen Verzicht auf die Fixierung der Zeit, der Vergänglichkeit und den Anspruch auf eine definierte Wirklichkeit. Manchmal können tiefe poetische Empfindungen in Euphorie versetzen, so wie es Charles Baudelaire vorschwebte, einem glühenden Verehrer der Poesie:  «Man muss immer trunken sein. … Mit Wein, mit Poesie, mit Tugend, nach eurem Belieben. Aber berauscht euch.»

Florenz kuss

Es mag im Geist der Zeit «in» sein, sich kühl, ironisch, distanziert zu geben. Wer gar Gefühle zeigt oder Verletzlichkeit offenbart, riskiert den Stempel der Sentimentalität. Doch mitten im Lärm und Getön der Trommler und Welterklärer kann die Poesie innere Bilder in uns öffnen. Bilder, die über sich selbst hinausweisen und dabei erahnen lassen, dass wir in diesem Leben nirgendwo ankommen. So wie die Welle im Meer niemals ankommt, weil sie selbst das Meer ist. Über das Erkennen des poetischen Momentes schreibt der Maler Caspar David Friedrich: «Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf andere, von außen nach innen.»

Frucht und Baum

Symbol

Ein Aufkleber mit dem Satz “An der Frucht erkennt man den Baum” Mt 12,33 war über Jahre auf der Rückseite meiner Kamera fixiert. Damit wollte ich in meiner fotografischen Arbeit daran erinnert werden, dass jedes Foto mehr über mich, über den Fotografen aussagt als über das, was auf meinen Bildern zu sehen ist. Persönlich erlebte Fotos sind für mich wie Blätter eines Lebensbaumes, der mit der Arbeit, den Jahren immer dichter wurde, so als würden die angesammelten fotografischen Blätter meine Lebenszeit verdoppeln.
Besonders die Fotografien, mit denen Verdichtungen gegenwärtiger Vergangenheit intensiv nacherlebt und nachgestaltet werden können, vermitteln mir ein Gefühl, die Zeit aus bestimmten Lebenssituationen zweimal zu durchleben. In der Auswahl eines neuen Kontextes kann ich die Bilder wieder neu anschauen und auf einer anderen Ebene reflektieren.

Die Beziehung von Frucht und Baum beschreibt der Fotograf Cartier-Bresson so:
“Um der Welt einen Sinn zu geben, muss man sich einbezogen fühlen in das, was man durch seinen Kamerasucher sieht.” Dem Meister geht es hier um eine  Haltung, dass mit der Kamera eine Deutung über die Beschaffenheit des Menschen und der Welt möglich ist. Dem Baum ist es egal, wie seine Früchte schmecken oder aussehen. Nur wir sind es, die Erkenntnis wollen:
“An der Frucht erkennt man den Baum.”