Einsamkeit in der Aufmerksamkeit

Einsamkeit und Gemeinsamkeit schließen sich nicht aus. Sie beziehen sich aufeinander. Im Wort gemeinsam ist das Wort einsam schon enthalten. Wer schon mit sich allein nicht zurechtkommt, wird in der Gemeinsamkeit der Kommunikation mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber sprechen. «Der Wert der Einsamkeit liegt in der Ermöglichung einer höheren Aufmerksamkeit», schrieb die Philosophin Simone Weil. Damit macht sie deutlich, das Einsamkeit nichts mit der An- oder Abwesenheit anderer Menschen zu tun hat, sondern mit einer inneren Haltung. Einsamkeit kann mich in meinem Sein, in meiner eigenen Wertschätzung bestärken. Sie kann mir ein Gefühl der Freiheit vermitteln, weil ich nicht auf den Beifall meiner Umwelt angewiesen bin. Im Alleinsein mit mir selbst kann eine Stille entstehen, die zu einem Leuchtfeuer des Denkens wird.

 

Anders gesagt, Einsamkeit und Stille können Impulse dafür setzen, ob ich selbst der Steuermann meines Denkens bin oder ob das Denken mich so steuert, wie der Wind gerade weht.

Immer wieder neu empfinde ich in meiner fotografischen Arbeit, besonders in den Momenten des entscheidenden Augenblicks, einsamer Stille im Sucher meiner Kamera. Sie beschützt mich vor äußeren Ablenkungen wie ein wohltuender Schatten und ermöglicht Distanz und Nähe zu meinem Bild. In diesem Zustand gelingen Augenblicke, in denen ich eine Zeit verbleiben kann, um mir darin selbst zu begegnen. Fremdheit als Zustand, der Wirklichkeiten in Fiktionen verwandelt. Wir sind uns nie wirklich sicher, wer wir sind.

Was ist Einsamkeit anderes als das Einverstandensein eines Menschen mit sich selbst? In der Gemeinsamkeit ist es unausweichlich, mit dem Gefühl zu denken. In der Einsamkeit dagegen besteht die Möglichkeit, mit dem Denken zu fühlen. Wer den Moduswechsel in die Einsamkeit nicht fürchtet, verliert den Ballast üblicher Notwendigkeiten und funktionaler Zwänge.

Gelebte Einsamkeit zeigt sich als selbstbestimmte Gegenwärtigkeit. Die ohne Eskapismus darin besteht, unabhängig zu sein von Erwartungen, Befürchtungen und Hoffnungen.