Zeit ist ein Riese – nur für Zwerge

 

Ein poetisches Symbolbild der vergehenden Zeit zeigt eine antike Wasseruhr mit einer Nymphe, die den vergehenden Minuten und Stunden nachweint. Zweitausend Jahre später trocknet der Musiker Miles Davis die Tränen der Nymphe mit seiner Erkenntnis: «Zeit ist nicht das Wichtigste. Sie ist das Einzige!» Damit meint er, dass wir nur eine einzige Zeit haben, unsere Lebenszeit.

Wer behauptet, keine Zeit zu haben, ist entweder tot oder ein Zeitzombie. Denn was wir auch immer tun, die Zeit vergeht so schnell oder langsam, wie sich unsere Bewertung der Zeit ändert. Wer über seine Lebenszeit entscheiden will, muss bei sich selbst anfangen, sonst entscheiden andere. Das fühlt sich selten wirklich gut an. Simulationen über Zukunft oder Vergangenheit sind ausnahmslos in der Gegenwart verankert. Der gegenwärtige Moment ist der einzige Zeitraum, in dem sich das Leben abspielt. Diese Feststellung erscheint so selbstverständlich, dass sie den um die Ecke denkenden Verstand kaum erreicht.

Der weise Augustinus schrieb über die Zeit: «Die Zeit kommt aus der Zukunft, die nicht existiert, in die Gegenwart, die keine Dauer hat, und geht in die Vergangenheit, die aufgehört hat zu bestehen.» Das klingt so, als hätte er vor tausenfünfhundert Jahren digitale Taktungen der Zeit bereits gekannt.

Fotografie. Momente der Stille

Fotografie ist für mich eine fortdauernde Übung darin, das Jetzt in dem kurzen Moment einer Beobachtung zu finden, die mich in die Gegenwart versetzt. Wer nicht in der Lage ist, sich in diesen Moment hinein zu werfen, dem entgleitet die Gegenwart, noch bevor er die Vergangenheit vergessen hat.

Bild aus dem Fotothema: Et in Arkadia Ego

Fotografien sind Gleichungen, die in Interaktion mit meinen Wirklichkeiten und Realitäten aufgehen können. Bilder beschreiben Vergangenes und sind daher, was sie sind: als Bilder gegenwärtig – nicht die Dinge selbst, die sie abbilden. Wirkungen der Bilder beruhen auf Fähigkeiten, Empfindungen als Beobachtung auszugeben.

Sorgfältige Unterscheidungen zwischen Beobachtungen und Bewertungen bilden die visuelle Basis für den ambivalenten Wahrheitsbegriff in der Fotografie. Bewertung ist wie eine Umleitung, auf der das Bewusstsein die Gegenwart weiträumig umfährt. Beobachtung hingegen führt geradewegs über die Aufmerksamkeit zur Betrachtung. Immer wieder offenbaren sich Momente der Beobachtung und Betrachtung als Stille im Sucher meiner Kamera.