Zeit ist ein Riese – nur für Zwerge

 

Ein poetisches Symbolbild der vergehenden Zeit zeigt eine antike Wasseruhr mit einer Nymphe, die den vergehenden Minuten und Stunden nachweint. Zweitausend Jahre später trocknet der Musiker Miles Davis die Tränen der Nymphe mit seiner Erkenntnis: «Zeit ist nicht das Wichtigste. Sie ist das Einzige!» Damit meint er, dass wir nur eine einzige Zeit haben, unsere Lebenszeit.

Wer behauptet, keine Zeit zu haben, ist entweder tot oder ein Zeitzombie. Denn was wir auch immer tun, die Zeit vergeht so schnell oder langsam, wie sich unsere Bewertung der Zeit ändert. Wer über seine Lebenszeit entscheiden will, muss bei sich selbst anfangen, sonst entscheiden andere. Das fühlt sich selten wirklich gut an. Simulationen über Zukunft oder Vergangenheit sind ausnahmslos in der Gegenwart verankert. Der gegenwärtige Moment ist der einzige Zeitraum, in dem sich das Leben abspielt. Diese Feststellung erscheint so selbstverständlich, dass sie den um die Ecke denkenden Verstand kaum erreicht.

Der weise Augustinus schrieb über die Zeit: «Die Zeit kommt aus der Zukunft, die nicht existiert, in die Gegenwart, die keine Dauer hat, und geht in die Vergangenheit, die aufgehört hat zu bestehen.» Das klingt so, als hätte er vor tausenfünfhundert Jahren digitale Taktungen der Zeit bereits gekannt.