Feigheit und Täuschung

 

 

Nach langer Zeit wieder den Film „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergmann gesehen. Verletzlich, stark, liebend und selbstbestimmt zugleich diese Marianne. Von der unvergleichlichen Liv Ullmann gespielt. Diesen Text liest Marianne ihrem Mann Johan vor, während er zu einem kurzen Besuch bei ihr ist.

„Zu meiner Überraschung muss ich zugeben, dass ich nicht weiß, wer ich eigentlich bin. Ich habe nicht die blasseste Ahnung. Ich habe immer getan, was mir von den Leuten gesagt wurde. Soweit ich zurückdenken kann, war ich immer gehorsam, anpassungsfähig ja fast demütig. Jetzt wo ich dran denke, fällt mir ein, dass ich wilde Ausbrüche von Geltungsbedürfnissen hatte. Ich erinnere mich aber auch, dass meine Mutter solche Abweichungen von den Konventionen mit exemplarischer Härte bestrafte.

Für mich und für meine Schwester zielte die ganze Erziehung nur darauf abliebenswürdig zu sein. Nach und nach fand ich heraus, dass es belohnt wurde, wenn ich meine Gedanken für mich behielt. Und wenn ich mich einschmeichelnd und umsichtig verhielt. – Die ganz große Täuschung meiner Umwelt geschah jedoch erst in der Pubertät. All meine Gedanken, Gefühle und Handlungen kreisten um die Erotik. Meinen Eltern gegenüber ließ ich jedoch nichts davon verlauten. Übrigens auch niemand anderem gegenüber. Das Täuschen wurde mir zur zweiten Natur. Ich wurde verschlossen. Was ich tat, tat ich heimlich. – Ich habe niemals daran gedacht, was ich möchte, sondern immer: Was möchte er, das ich möchte? Das ist keine Selbstlosigkeit, wie ich zu glauben pflegte. Das ist reine Feigheit. Und was noch schlimmer ist: völliges Unwissen, wer ich bin.“ 

 

Absurdes Theater in Absurdistan

Damit keine Missverständnisse aufkommen, sage ich es hier ganz ganz direkt: Von Anfang an fühlte ich mich als Darsteller der Fremdheit auf der Bühne des Vergänglichen. Wirklich interessiert hat mich mein Leben nicht. Meine wahre Begabung entdeckte ich früh. Die Kunst der Täuschung in der Flüchtigkeit der Gegenwart. Die Lebenshaltung, dass nichts auf dieser Welt von Bedeutung ist, gab Schutz und helle Leichtigkeit. Vielleicht ist es auch ein gutes Zeichen der Stärke, oder eines ehrlichen Charakters, dem Leben nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Ich wollte meine Sachen hier nur möglichst ordentlich machen und für mich und mein Umfeld möglichst freundlich gestalten. Ohne anderen Menschen zu schaden. Damit konnte ich aus der Defensive heraus ein offenes und aktives Leben führen. Ich werde auch weiterhin in diesem Spiel bleiben, dass Leben heißt und sich von Tag zu Tag selbst verzehrt. Meine Erinnerungen sind nur ein Versprechen auf Zeit.

Menschen

Der Sinn dieses Lebens wird sichtbar in meiner Erfahrung, das Leben nicht weniger wird. Auch nicht mehr. Sondern das Leben ist nur da wo es in diesem Moment ist. Ähnlich einem Schauspieler auf der Bühne, der seine Lieblingsrolle spielt. Es stört ihn nicht, dass die wenigen Zuschauer ihn nicht verstehen. Im Gegenteil. Er fühlte jetzt die Freiheit des Geistes. Bestätigt durch den Beifall seiner Einsamkeit. Eine Freiheit die ihm hilft, sein Spiel, seine Gegenwart zu lieben. Die Bühne, sein Leben, lässt ihn lebendig aus der Gegenwart verschwinden, bis eines Tages der Vorhang fällt.