Takt – ohne den Rhythmus der Zeit

„Akedia“ nannten die ersten Mönche die Haltung der Ruhelosigkeit und beschrieben so die Weigerung vieler Menschen, sich auf das einzulassen, was gerade ist. Akedia benennt auch die Unfähigkeit, im gegenwärtigen Augenblick präsent zu sein, oder, wie der Philosoph Søren Kierkegaard schreibt, in der Akedia wollte der Mensch verzweifelt nicht er selbst sein. Dabei übersähe er seine Größe, seine Potenzialität, die er in sich trägt und die er jederzeit verwirklichen könne. Die in Hast und Eile rotierenden Menschen stöhnen über Arbeit, Termine, Verpflichtungen und sehnen sich nach Zeit für Muße und Ruhe. Vertaktungen im Zeitgefühl werden als Schicksal akzeptiert. Zeit wird nicht mehr hinterfragt. Stetige Unruhe wird als Zeichen der Aktivität und Wichtigkeit gewertet. Doch wenn sie endlich einmal zur Ruhe kommen, erscheint es ihnen kaum möglich, sich ohne technische Geräte und deren Displays auf die ersehnte Zeit der Ruhe und deren Rhythmus einzulassen. Ein Beispiel für die Abwesenheit in der Anwesenheit ist der Manager, der mit Unruhe und Hast zum nächsten Termin eilt. Erstaunt fragt er seinen Berater: „Was tun Sie nur, dass Sie so gelassen wirken, trotz Ihrer vielen Arbeit?“ Der Berater antwortet: „Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich.“  Verärgert erwidert der Manager: „Was ist das denn für eine Antwort, das tue ich doch auch.“ Der Berater schüttelt den Kopf und antwortet: „Nein, wenn Sie sitzen, sind Sie schon aufgestanden; wenn Sie stehen, sind Sie schon losgegangen; wenn Sie gehen, sind Sie schon angekommen.“  Der Berater hat erkannt, dass zwischen der Gelassenheit des gegenwärtigen Zeitpunktes und der linearen Organisation des getakteten Zeitpunktes ein elementarer Unterschied besteht.

In Übergriffen, Ablenkungen erlahmen Achtsamkeit und Gelassenheit, die beide das Loslassen der Zeit und der dadurch selbstbestimmten Lebenszeit voraussetzen. Menschen werden sich selbst fremder, wenn aufwendig erdachte Zeitkonstruktionen sich im Nachhinein als trügerisch erweisen. Wer den Selbstbetrug mit der «fehlenden» Zeit nicht erkennt, beginnt die Fremdheit mit der einmaligen Lebenszeit als «sein Leben» zu akzeptieren und verhindert so lebendige Momente der Gegenwart.

Unruhe zersetzt durch funktionale Vertaktung den rechten Zeitpunkt. Zertsört den Rhythmus einmaliger Lebenszeit. Die Zeit vergeht in der Unruhe nicht schneller oder langsamer, sondern rauscht still und unbemerkt am Leben vorbei. So als hätte es nicht stattgefunden. Die Sehnsucht nach mehr Zeit wird zu einer Sucht. Die etwas sucht, was es nicht gibt und deswegen unerfüllt bleiben muss. Es gibt nur eine Zeit zwischen Geburt und Tod, die Lebenszeit. Wer keine Zeit mehr hat, ist tot und fürchtet den Tod schon vor dem Moment des Sterbens, weil die Lebenszeit nicht gereicht hat. Am Ende geht es nicht um die Knappheit der Zeit, sondern darum, nicht in seiner einmaligen, eigenen, selbstbestimmten Zeit gelebt zu haben. Was dann übrig bleibt von einem Leben in der Vertaktung, beschreibt Fernando Pessoa in seinem «Buch der Unruhe»: «Letzten Endes bleibt von diesem Tage das, was vom gestrigen blieb und vom morgigen bleiben wird: Die unersättliche und nicht zähmbare Begierde, immer derselbe und ein anderer zu sein.»