Wahrheit gibt es nur einmal

Im Grunde geht es nur um die Frage, welchen Wahrheiten wir folgen können oder wollen. Dabei ist vorausgesetzt: Die Menschen dieser Welt glauben ohnehin nur das, was sie für wahr halten, und halten nur das für Wahrheit, was sie glauben. Was lässt sich über die Wahrheit schon Wahres sagen, außer der Behauptung radikaler Konstruktivsten: dass die Wahrheit eine Erfindung der Lügner ist. Wer traut sich schon, über die Wahrheit zu sprechen? Unabhängig davon, ob es um die eine, um die eigene, um die andere Wahrheit geht. Die Mehrheit der Menschen kommt erst dann mit Wahrheiten in Berührung, wenn es um ihr scheinbares Gegenteil geht: die Lüge. Doch der Umgang mit Wahrheit oder Lüge hat etwas Tragisches, weil wir meist etwas als richtig unterstellen, wenn wir es auch für wahr halten. Tragisch auch, weil Richtig und Falsch mit dem Verhältnis zur Wahrheit wenig zu tun haben, sondern mit Vertrauen in sich selbst und andere. Wahrheiten und Vertrauen bedingen sich gegenseitig wie Seelenverwandte. Deswegen wollen viele Menschen an Wahrheiten glauben, um zu vertrauen und sich damit in der Welt wenigstens zeitweise sicher zu fühlen. In der alltäglichen Praxis geht es nicht ohne Vertrauen in andere Menschen. Ja mehr noch, wir brauchen täglich eine Überdosis an Vertrauen, um so zu leben, wie wir leben. Wer meint, er hätte das Wesentliche unter Kontrolle und würde nur deswegen vertrauen, hat noch nicht gemerkt, dass er sich selbst nicht vertraut. Wir vertrauen im alltäglichen Leben in unzähligen Situationen ohne Kontrolle darauf, dass die anderen Menschen auch uns vertrauen und sich so verhalten, dass es ihnen selbst nutzt. Deswegen werden Verträge ausformuliert, mit dem erneuten Vertrauen darauf, dass sie auch eingehalten werden.

Hinter diesen Haltungen entsteht der Grundgedanke jeglicher Wahrheitsansprüche: Wir tun so, als ob. Wir tun so, als ob es so etwas gibt wie Wahrheit, als ob es Erfüllung des Vertrauens, als ob es allgemein akzeptierte Wirklichkeiten gibt. Ohne dieses Als-ob geht es nicht, damit die Konstruktionen sozialen Zusammenlebens und deren behauptete Begründungen nicht einstürzen. Das Als-ob ist kein Grund zum Fatalismus, sondern eine wichtige Erkenntnis die zu mehr Gelassenheit führt, um den selbstgerechten Ansprüchen von Wahr und Unwahr, Falsch und Richtig, Gut und Böse mit Gleichgültigkeit oder Distanz zu begegnen.

Im Verständnis der Philosophen in der Antike offenbaren sich Wahrheiten in der Enthüllung, wobei sie wesentlich mehr sind als das, was sie enthüllen. Ergo: Wahrheiten können nur weitergedacht werden, wenn sie sich kontinuierlich bewegen. Sobald sie statisch werden, entstehen Dogmen, Rechthaberei und Fundamentalismus. Wahrheit kann auf diesem Weg zu einer Tugend werden, wenn sie noch die Schwestertugend der Freiheit an ihrer Seite hat. Ohne die Freiheit, von einer Wahrheit zu lassen, bleiben wir Menschen Sklaven imaginärer Ansprüche und willkürlicher Behauptungen.