Weisheit – ohne Bart

„Was muss ich tun?»“ wurde ein Weiser gefragt. Der gab zur Antwort: „Schweige und vergleiche dich nicht mit anderen.“ Eine klare Antwort, die indirekt besagt, dass die Kraft der Gedanken sich auch im Schweigen entfalten kann. König Salomo wurde deswegen als Weiser erkannt, weil er sich statt Reichtum und Macht ein „hörendes Herz“ erbat (1. Kön 3,9). Eine Haltung, aus der Weisheit entstehen kann, beginnt damit, das eigene Leben mit Selbstreflektion, das Leben anderer mit emphatischer Wertschätzung zu betrachten. Weisheit braucht keine Fakten und Tatsachen, sondern denkt und spricht aus einem Zustand betrachtender und beobachtender Vernunft. Deswegen ist sie nicht mit Klugheit zu verwechseln, weil Klugheit sich auf Handlungen in logisch erfahrbaren Zusammenhängen des täglichen Lebens fokussiert. Ein Denken, das sich durch Klugheit in direkte Handlungen umsetzt, geht bei einem weisen Menschen in Richtung einer Möglichkeit. Dahinter steht eine Weltsicht, in der auch das Gegenteil eigener Erkenntnisse denkbar und richtig erscheint. Für den antiken Philosophen Platon bestand die Basis der Weisheit darin, auf rechthaberisches Gerede zu verzichten. „Wenn ich etwas unvernünftig finde, liegt es nicht vielleicht daran, dass ich selbst unvernünftig bin? Könnte nicht ich es sein, der irrt? Lässt sich mein Vorwurf nicht gegen mich kehren?“ Damit meinte er Freiheit von normativer Moral, Freiheit des Loslassens, Freiheit von Lüge. Etwa so, wie vor langer Zeit die Hofnarren offen ihre Meinungen kundtun durften, ohne die Furcht, dafür bestraft zu werden.

Augen werden auch als «Spiegel der Seele» bezeichnet. Wer in diesen Spiegel schaut und (s)ein Bild erkennt, kann sich darin selbst begegnen. Weisheit ist auch in den Bildern zu erkennen, die das Sinnlose, Absurde, Paradoxe und Dunkle in uns akzeptieren und beleuchten. Hier entstehen die Fragen, die auf einen Weg des weisen Denkens und Sehens führen: nach dem Sinn unseres Woher, Wohin, Weshalb. Die Antworten darauf sind vielfältig, ihr Ergebnis unnötig, weil es genügt, Fragen zu stellen und dabei die Augen zu schließen. Die Augen schließen, um zu sehen, wie der Maler Paul Gauguin sein Sehen beschrieb, lässt den weisen Menschen mit dem Herzen sehen. Dabei bewegt sich der Weise in eine Mitte, die als Strahlung, als Stimmung wahrgenommen wird und eine Haltung überträgt, aus der heraus Vertrauen entsteht.

Haltung wird hier verstanden als respektvolles Verstehen der Erfahrung anderer Menschen, in dem Willen, eine Beziehung aufzubauen, deren Basis aus Offenheit und Mitgefühl besteht.

Der Gegenpol der Weisheit zeigt sich in Überheblichkeit, Selbstgerechtigkeit und in der Anmaßung, in Falsch oder Richtig zu bewerten, in Gut oder Böse zu urteilen. Diese Art zu denken ist einem weisen Menschen fremd, weil er erkannt hat, dass es im Zusammenleben der Menschen nur darum geht, Verletzendes und Blockierendes zu überwinden. Ein Mensch, der durch Weisheit wirkt, hat die tiefe Einsicht gewonnen, dass wir nicht wirklich wissen, doch dafür jederzeit irren.